Im Jahr 2012 wurde von uns ein Programm zur Bewertung von Guppys entwickelt. Dazu schrieben wir 2013 einen Artikel. Bei der Versammlung der deutschen Guppyclubs 2013 wurde das Programm noch einmal vorgestellt und als sinnvolle Option für mindestens die deutsche Guppyszene erachtet. Der geschriebene Artikel sollte ursprünglich im CAGD Online Magazin veröffentlich werden, um das Programm weiter bekannt zu machen. Bis Heute (April 2015) haben die Kollegen des CAGD das allerdings irgendwie nicht geschafft. Deshalb erscheint er nun hier auf unserer Homepage.



Die Zukunft der Guppybewertung?


Im Juli 2012 fand in Ueckermünde ein Durchgang zur Europameisterschaft und der deutschen Meisterschaft der Guppyzüchter statt, organisiert von den drei Vereinen IGPD (Interessengemeinschaft Poeciliidae Deutschland e.V.), GGD (Gesellschaft der Guppyzüchter Deutschland) und GPH (Guppyklub Paul Hähnel).

Wir (meine Frau Christin und ich) waren noch nicht sehr lange beim GPH und es war somit die erste Ausstellung, die wir mit organisierten. So ließen wir uns das Bewertungsprozedere erklären.
 

Grundlagen der Guppybewertung

Jedem Guppymännchentrio werden in 10 Kategorien Punkte gegeben, die addiert werden. Insgesamt können pro Trio maximal 100 Punkte erreicht werden. Fünf Wertungsrichter führen diese Bewertung aus, sodass es am Ende pro Trio fünf Wertungen gibt. Davon werden die höchste und die niedrigste gestrichen und aus den verbleibenden der Durchschnitt gebildet. In der Regel werden dazu kleine Wertungskarten benutzt, auf denen die Punkte je Kategorie notiert werden.

analoge Wertungskarte
Abbildung 1: Beispiel einer Wertungskarte

Pro Trio müssen also 10 Zahlen zusammengerechnet werden. Das sind bei 200 Trios multipliziert mit fünf Wertungsrichtern 10.000 Zahlen, die zu 1.000 Summen addiert werden. Nachdem die Minima und Maxima aussortiert wurden bleiben davon 600 übrig, aus denen 200 Durchschnitte errechnet werden müssen.

Das ist dann schon mal ein ganzes Stück Arbeit. Kontrollrechnungen noch gar nicht mit einbezogen.

Die Bewertung findet meist an ein oder zwei Tagen statt. Darauffolgend ist die Ausstellung für die Öffentlichkeit geöffnet. Bereits zur Ausstellungseröffnung sollten die Platzierungen bekannt sein und die erreichten Punkte an den Becken stehen, also sahen wir einen langen Abend am zweiten Wertungstag auf uns zukommen.


Möglichkeiten und Ideen

Wenn man ein Studium im Bereich der Informatik absolviert hat und weiß, was mit aktueller und trotzdem erschwinglicher Technik alles machbar ist, so ist das zunächst einmal sehr ernüchternd.

Einen kleinen Lichtblick gab es dann doch: Es existierte bereits ein kleines Datenbankprogramm, das es ermöglicht die Werte oder Einzelsummen einzugeben. Im Anschluss wird die weitere Berechnung automatisch durchgeführt und es werden die benötigten Listen erstellt. Das Programm stellte schon eine Verbesserung dar, jedoch auch hier heißt es noch viele Zahlen eingeben und mindestens kontrollieren, dass sich kein Fehler eingeschlichen hat. Dennoch soll an dieser Stelle gesagt werden, dass dieses Programm gute Dienste leistet und die Arbeit schon erleichtert.

In uns keimte dann die Idee, das Wertungsprozedere noch weiter zu optimieren. So fingen wir an zu überlegen was alles nötig sein würde, dies zu erreichen. Folgende Anforderungen wurden definiert: Es durfte kein großer technischer Aufwand für den Bewerter entstehen, die Bewertungen finden gleichzeitig, aber an unterschiedlichen Becken statt und es soll im Anschluss möglichst wenig manueller Aufwand nötig sein um die Ergebnisse zu ermitteln.

Wir kamen auf die Idee, die Wertung mittels moderner kleiner Tablet-Computer durchzuführen, welche sehr einfach mit den Fingern oder einem kleinen Stift zu bedienen sind. Dazu sollte nun eine endgeräteplattformunabhängige Lösung geschaffen werden. Wir entschieden uns für eine webbasierte Lösung, die auf gängigen Internettechnologien aufsetzt und so einfach wie möglich sein sollte.


Umsetzung

Als Grundlage nahmen wir die Vorgaben des IKGH (Internationales Kuratorium Guppyhochzucht) Hochzuchtstandards, indem auch die Bewertung genau geregelt ist, und entwickelten Gedanken was alles erfasst und gespeichert werden müsste und wie man es speichern soll, welche Grundfunktionen wir benötigen und so weiter. Um einige Spekulationen gleich vorweg zu nehmen: der gewählte Ansatz und die Entwicklung hatte nichts mit dem bestehenden Programm zu tun. Es handelt sich um eine völlig andere Technologie und somit auch eigenständige Entwicklung.

So wurde über mehrere Abende als erstes die Datenbankstruktur erstellt. Es folgten die Programmierarbeiten.

Schon zu einem frühen Zeitpunkt involvierten wir unsere Vereinskollegen und holten uns deren Meinungen ein, stellten die Frage nach dem Nutzen und gewannen weitere Informationen zu den Abläufen der Bewertung. Wir wollten ja nicht den ganzen Ablauf verändern, sondern eigentlich „nur“ die Papierzettel  ersetzen. Wir präsentierten einen optischen Prototypen, ohne weitere Funktionen, nur um vorab zu testen, ob Leute ohne Erfahrung mit Computern oder gar Tablets mit einem solchen System arbeiten könnten. Wir waren überrascht, wie leicht unseren „älteren“ Vereinskollegen der Umgang mit der Technologie fiel und erfreut über den positiven Zuspruch.

Wir waren sehr skeptisch, dass das Projekt noch vor unserer Ausstellung soweit vorankommt, dass es schon zum Einsatz kommen könnte. Aber die Motivation war trotzdem da, das Programm zu entwickeln und den aktuellen Zustand zu verbessern.

Wenige Wochen vor der Ausstellung war der Prototyp soweit fertiggestellt, sodass die grundlegenden Funktionen enthalten waren. Dankenswerter Weise bekamen wir die Daten von einer anderen Ausstellung, sodass wir unsere Algorithmen und erstellten Listen vorab noch einmal prüfen konnten. Auch die Namen der Züchter konnten im Wesentlichen aus der bestehenden Datenbank ausgelesen werden, und uns somit an der Stelle etwas Schreibarbeit erspart blieb. Denn, wenn solche generellen Stammdaten, wie die Vereins oder Züchterliste, einmal vorhanden sind, können sie immer wieder verwendet werden.

Kurz vor der Ausstellung im Juli waren wir überzeugt ein funktionierendes System zu haben und nach Rücksprache im Verein wurde beschlossen, dass wir versuchen wollten es bei unserer Ausstellung zu nutzen. Sicherheitshalber druckten wir trotzdem Bewertungskarten, als Notfallvariante. Noch wussten wir auch nicht, ob sich die Bewertungsrichter nicht möglicherweise gegen diese Neuerung sträuben würden.

Bei der Annahme der Fische wurde noch eine klassische papierbasierte Liste geführt und parallel dazu die Sätze in das Computersystem eingetragen. Bereits nach diesem ersten Schritt zeigten sich Vorteile des Systems. Die Basisstatistik (geschickte Sätze pro Verein, Land, Züchter etc.) konnte sehr schnell und einfach ermittelt werden.

Die Reaktionen am Beginn des ersten Bewertungstages waren sehr verhalten. Nicht jeder Anwesende war der Wertungsmethode gegenüber gänzlich aufgeschlossen. Doch nach ein paar Minuten der Benutzung legten sich die Bedenken.
 
Wertungsrichter mit Tablet
Abbildung 2: Wertungsrichter mit Tablet
 

Funktionsweise/ Aufbau des Programms

Der Wertungsrichter bekommt einen kleinen Tablet-Computer in die Hand, dort wird eine Webseite aufgerufen, welche sich auf einem zentralen Computer (Server) befindet, der die ganze Anwendung steuert. Der Wertungsrichter bekommt eine Liste mit den Becken angezeigt, die er noch nicht bewertet hat, wählt eines aus und erhält eine kleine Tabelle mit den Punkten, die er in der jeweiligen Kategorie vergeben kann. Dort muss nur noch jeweils die Punktzahl angetippt werden. Am Ende wird die Wertung bestätigt und somit zum Server übertragen. Sollte eine Kategorie nicht ausgefüllt sein, so wird der Benutzer darauf hingewiesen. Nur eine vollständige Wertung wird abgespeichert. So entfallen Nacharbeiten.

Die Geschwindigkeit der Wertung wurde, unserer Ansicht nach, kaum beeinflusst. Das Antippen einer Zahl auf dem Bildschirm ist nur unwesentlich schneller als das Schreiben dieser auf einen Zettel.

Von Vorteil ist, es können keine Zettel und somit Ergebnisse verloren gehen. Etwas nachteilig ist, dass das Tablet ein wenig schwerer in der Hand liegt.

Ein Kritikpunkt des internationalen Beobachters der Veranstaltung war, dass wir das Programm so gestaltet hatten, dass gewertete Sätze durch den Bewertungsrichter nicht mehr aufgerufen werden können. Somit war es den Wertungsrichtern nicht möglich nachzuschauen, welche Bewertung einem ähnlichen Satz gegeben wurde. Dies ist absichtlich so umgesetzt worden, da in den Regeln eindeutig von einer objektiven Bewertung pro Satz die Rede ist und nicht von vergleichender Bewertung.
 
digitale Wertungskarte
Abbildung 3: digitale Wertungskarte

Während der Bewertung

Kleinere Dinge fielen den Richtern während der Bewertung auf, die in der nächsten Version verbessert werden könnten, zum Teil auch sofort umgesetzt wurden, wie zum Beispiel eine einfachere Disqualifikation eines Satzes. Wir hatten anfänglich nicht vorgesehen, dass ein Satz auch während der Bewertung disqualifiziert werden kann. So musste der Eintrag direkt in der Datenbanktabelle geändert werden, aber auch das war kein Problem.

Nach Abschluss der Bewertung waren wir recht gespannt, ob die Ergebnisse korrekt ermittelt wurden. Diese waren binnen weniger Sekunden nach nur einem Knopfdruck vorhanden.

Im Anschluss wurden gleich sogenannte Beckenkarten[1] und die Ergebnislisten gedruckt. Auch der Urkundendruck begann.


Technische Voraussetzungen

Die technischen Voraussetzungen für den Betrieb eines solchen Wertungssystems sind relativ gering. Es ist ein Computer als Server nötig. Bei uns war dies ein einfacher Laptop. Für die drahtlose Kommunikation mit den Tablets wird einen WLAN-Router benötigt. Auch das ist Standardhardware. Des Weiteren werden Tablets für die Wertungsrichter benötigt. Hierfür reichen die einfachsten, internetfähigen Geräte aus. Diese verbreiten sich immer mehr. Die benötigte Serversoftware selbst braucht nur als einfache Anwendung gestartet und nicht installiert zu werden. Sie kann auf Wunsch gar auf einem USB Stick verbleiben. Für das Drucken der Ergebnisse, Urkunden und Beckenkarten ist dann natürlich ein Drucker von Nöten. In unserem Fall war dies ein einfacher Schwarzweiß-Laserdrucker.


Ausblick

Es hat sich gezeigt, dass das Programm für den Wertungsrichter schon sehr einfach ist und somit eine der Grundvoraussetzungen erfüllt wurde. Ziel ist es, auch dem Ausstellungsleiter, ohne tiefere Kenntnisse des Programms, eine einfache, intuitive Bedienung zu ermöglichen, sodass andere Vereine dies selbstständig nutzen können. Dies soll einer der nächsten Umsetzungsschritte sein.

Auch die Mehrsprachigkeit ist zukünftig ein Thema. Bisher sind alle Dialoge nur auf Deutsch. Zwar waren auch Wertungsrichter ohne deutsche Sprachkenntnisse in der Lage das Programm zu bedienen, da die deutschen Wertungskategoriebezeichnungen bekannt waren (die IKGH Sprachen sind Deutsch, Englisch und Französisch), aber die Technologie gibt es her, jedem Nutzer eine andere Sprache der Anwendung zur Verfügung zu stellen.

Bisher sind die Programmfunktionen so umgesetzt, dass damit zwar mehrere Ausstellungen bewertet werden können, jedoch findet noch keine ausstellungsübergreifende Auswertung statt. Dies wird ebenfalls eine zukünftige Aufgabe sein, um möglicherweise ganze Meisterschaften komplett auswerten zu können.

Generell bietet das Programm schon jetzt viele Auswertungsmöglichkeiten. So gibt es Bestenlisten nach diversen Kategorien, oder eingrenzend nach dem Land um gleich lokale Listen zu erzeugen[2], aber auch hier werden sicher noch einige folgen. Erweiterungen sind kein Problem. Sobald die Ergebnisse in der zentralen Datenbank gespeichert sind, kann jede erdenkliche Auswertung der Daten erfolgen. Sobald die Datenbankabfrage einmal programmiert ist, steht sie immer zur Verfügung.

Weitere Optimierungen können bezüglich des Drucks der Beckenkarten und Urkunden folgen, indem beispielsweise die Beckenkarten in anderen Formaten und die Urkunden mit anderen Vorlagen und Designs gestaltet werden können.

 

Im November 2013 fand die jährliche Zusammenkunft der Vertreter der deutschen Guppyvereine statt. Dort stellte ich das Programm ausführlich vor. Auch hier gab es sehr positive Rückmeldungen, sodass beschlossen wurde den Gedanken eines einheitlichen Programms für Deutschland und gegebenenfalls Europa weiter zu verfolgen. Dazu stehen, wie bereits angesprochen, noch einige Veränderungen am Programm aus. Optimal wäre ein weiterer Einsatz bei einer Trio-Ausstellung 2014, um weiter Änderungsvorschläge zu sammeln, mit dem Ziel das System soweit zu verbessern, dass es ohne unsere Hilfe bedient werden kann.

Es wurden natürlich gleich die Pärchenausstellungen angesprochen. Eine Implementation dieser ist denkbar, sobald ein einheitlicher Standard festgeschrieben wurde und die Version für die Trios problemlos und möglichst Wartungsfrei läuft.


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[1] eine kleine Karte an jedem Becken, auf dem der Name des Züchters steht, der Standard, die Punktzahl, die Platzierung
[2] eine Ausstellung die als Europameisterschaftsdurchgang zählt, kann z.B. gleichzeitig auch als Wertung für die deutschen Meisterschaft zählen, in solchen Fällen sollen für Platzierungslisten natürlich nur deutsche Teilnehmer berücksichtigt werden